Das Sexleben der Jungfrau-Frau

Sie gibt sich über Sex keinen Illusionen hin und findet, daß man viel zuviel Wesens davon macht. Sie kann einfach nicht glauben, daß es blitzt und donnert, wenn sich zwei Körper zu einer durchaus natürlichen Funktion vereinigen.

Sie mag die Männer nicht, die wie ein Überschallflugzeug bei ihr zu landen versuchen. Sie bevorzugt diejenigen, die genügend Selbstdisziplin haben, um abzuwarten, bis sich eine Beziehung entwickelt hat, bei der Sex unvermeidlich ist. Natürlich würde sie es nicht so ausdrücken. Eher würde sie sagen, das Seelische sei auch wichtig, und jeder, der nur die rein körperlichen Aspekte hervorhebt, verstehe die wahre Bedeutung des Liebemachens nicht. Sie betrachtet die Werbung nicht als eine Einleitung, die man möglichst rasch hinter sich bringen muß, damit die Hauptsache endlich beginnen kann, sondern als anmutige, liebliche Ouvertüre zu einem symphonischen Höhepunkt. Sie genießt es, mit einem Mann zu schlafen, läßt sich aber deswegen nicht zu rhapsodischer Gefühlsseligkeit hinreißen, dazu ist sie viel zu sehr ein Verstandesmensch.

Wenn es nach ihr geht, wird ihr Schlafzimmer nach frischen Blumen riechen und nicht nach schwülem aufreizendem Parfüm. Man kann auch keinen dramatischen Auftritt mit nichts am Leibe als orientalischen Liebesperlen von ihr erwarten. Es handelt sich schließlich nicht um eine Filmszene, mein Lieber, sondern ums wirkliche Leben. Wir beide wissen ja, warum wir hier sind.

Hat sie einmal beschlossen, sich hinzugeben, wird der Mann jedoch nicht enttäuscht. Ihre weibliche Grazie und Bescheidenheit, ihre sanft hingebungsvolle Wärme sind Balsam für jene, die des Scheinfeuerwerks müde sind. Das Ganze wird zur vollen Befriedigung des Mannes ablaufen.

Wahrscheinlich wird das Äußerliche vorher im einzelnen besprochen werden, zum Beispiel der Ort, wo das Ereignis stattfinden soll. Sie bevorzugt ihre eigene Wohnung, weil sie hier die Kontrolle über den Rahmen hat. Man ist nicht schlecht beraten, wenn man Champagner mitbringt.

Man wundere sich nicht, wenn sie eine Dusche oder ein Bad zu zweit vorschlägt. Das läßt mehr Zeit für die überaus wichtigen Präliminarien und entspricht ihrem unbezwingbaren Bedürfnis nach Reinlichkeit. Möglich, daß sie den Mann gründlich abschrubbt, bevor sie eine nähere Berührung erlaubt. Darüber braucht man nicht gekränkt zu sein. So ist die Jungfrau eben; am besten man entspannt sich und genießt es.

Das Schlafzimmer ist nur matt beleuchtet oder verdunkelt, das Bett frisch bezogen, das ganze Zimmer untadelig, das Telefon abgestellt. Die Jungfrau trifft Vorsorge für alles. Der Mann kann mit ihr tun, was er will, vorausgesetzt, er unterläßt all das, was sie als anormal, grotesk, animalisch betrachtet. Manch einer findet - zu Recht - daß dadurch ein bißchen viel tabu wird. Aber sie zieht nun mal die Grenzen, was ihr gefällt und was nicht.

Innerhalb dieser Grenzen entschädigt sie in höchstem Maße für jedes aufkommende Gefühl der Einengung. Sie kann aus einem Kuß ein erotisches Erlebnis machen, das fast dem Liebesakt gleichkommt. Ihrem Liebhaber zu Gefallen geht sie so weit, ihn in jeder Weise oral zu befriedigen. Darin kann sie eine Künstlerin werden. Die höchste Wollust bedeutet es für sie, den Mann glücklich zu machen. Auf der Liste ihrer Varianten jedoch dürfte neunundsechzig die ausgefallenste Nummer sein.

Unmittelbar nach dem Vorspiel nimmt sie, wenn der Mann nichts anderes andeutet, die Normalstellung ein. Aber keine Sorge, sie macht mit, wenn er es anders wünscht. Nur muß er ihr vorher erklären, was er im Sinn hat; dann kann man sich darauf verlassen, daß sie ihm zu Gefallen ihr Äußerstes tun wird. Schließlich ist Sex für sie ja eine Pflichtübung, genau wie das Kaffeekochen am Morgen. Auch dabei gibt sie sich erst zufrieden, wenn sie wie die Frau im Werbe-Spot den besten Kaffee auftragen und dem Mann so eine Freude machen kann.

Wer ihr geheimes Glockenspiel in Bewegung setzen will, der probiert es bei ihr mit gegenseitigem Masturbieren. Vorzugsweise in einer Stellung, in der sie die Beine über dem Gesicht des Partners spreizt, der sie mit der Zunge bearbeitet, während sie hinter ihrem Rücken mit seinem Penis spielt. Reine Ekstase. Sie kennt auch ein paar sexuelle Abarten, die meistens mit Bestrafung zusammenhängen. Der Grund dafür ist klar. Wenn sie irgend etwas tut, das bei ihr moralische Skrupel hervorruft, erwartet sie Strafe. Insofern kann sie eine Masochistin sein. Schläge aufs Hinterteil faßt sie als Bestrafung auf, aber sie bereiten ihr auch erotisches Vergnügen. Derartige Episoden enden gewöhnlich mit dem Koitus. Wenn das nicht der Fall ist, wird sie masturbieren. Hat sie das Gefühl, zu viel Spaß am Sex zu haben, kann sie die Bestrafung sogar in den Akt als solchen einbeziehen.

Manche Frauen, die im Zeichen der Jungfrau geboren sind, können nur zu dritt Spaß im Bett haben. Die dritte Person vertritt dann das "Gewissen", muß sie ständig schelten und ihr so ermöglichen, sich ohne schlechtes Gewissen zu befriedigen. Auch all dies wird vorher besprochen, niemand wird damit überrascht oder überrumpelt, aber auf unergründliche Weise fühlt sich die Jungfrau dann rein, weil man sie "gezwungen" hat, mitzumachen.

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