Das Sexleben des Zwillingsmannes

Er gerät nicht außer Atem, ist nicht anstrengend oder leidenschaftlich. Er spielt eine Doppelrolle - in der einen ist er Teilnehmer, in der andern Zuschauer. Wenn er will, kann er jede Frau in Stimmung bringen, denn er weiß genau, wie die richtigen Reaktionen hervorzurufen sind.

Die Idee als solche reizt ihn mehr als der Akt selbst, nicht so sehr die Wollust, die sexuelle Betätigung beschert, als das, was die Psychologen Apperzeption nennen: die bewußte Wahrnehmung. Beim Tun stillt er also auch die Neugier nach der Frage, wie es getan wird; während er reagiert, studiert er gleichzeitig, wie er reagiert. Er ist immer sowohl der Tätige als auch der Zuschauer.

Sex mit ausgelöschtem Licht ist nichts für ihn. Spiegel überall, die ihm ermöglichen, das Liebesspiel aus jedem Blickwinkel zu sehen, stimulieren ihn. Dazu noch einen pornographischen Film - das entspräche seinen Vorstellungen und bringt ihn auf Touren.

Er erwärmt sich nur allmählich. Cunnilingus ist nicht seine besondere Stärke, und Fellatio macht ihn nicht wild; aber er liebt die andern Vorspiele. Er kann sie genußvoll in die Länge ziehen; er knabbert am Ohr, streichelt den Rücken und spielt kunstvoll das Spiel der sexuellen Erregung, bevor er auf sein Ziel losgeht. Der eigentliche Akt ist dann meistens kurz und wild, selbst wenn der Zwillingsmann bekommen hat, was er wollte, ist er zwiespältig, ob es sich wirklich gelohnt hat.

Wo er Liebe macht, ist ihm egal, und er kann sich fast bei jeder Frau den Weg ins Bett erschwatzen. Meistens liegt ihm mehr daran, sich selbst oder seine Neugier zu befriedigen als seine Partnerin. Nicht viele Frauen bemerken das, auch wenn sie manchmal den Verdacht hegen, daß sie bloß zu seinen Erfahrungen beitragen; denn er ist in der Liebeskunst bewandert und kennt sich auf Gebieten aus, die von andern Männern so oft vernachlässigt werden. Er sagt einer Frau genau das, was sie zu hören wünscht, schafft eine besondere Atmosphäre aufregender Romantik, und gerade das bindet sie mehr an ihn als reines körperliches Vergnügen.

Eine Warnung: Selbst wenn es ihm gelungen ist, von seiner absoluten Aufrichtigkeit zu überzeugen, darf man ihm nicht allzusehr trauen. Er ist ein Rattenfänger von Hameln, der bald ein anderes Opfer dazu verführen wird, seiner bezaubernden Melodie zu folgen. Seine Aufrichtigkeit ist "echt", aber nur in dem Sinne, daß er meint, was er gerade in diesem Augenblick sagt.

Gruppensex liebt er besonders, einschließlich bisexueller Betätigung, denn er genießt die Vielfältigkeit und die verschiedenen Gelegenheiten, die dabei auftauchen. Abwechslung ist seines Lebens Würze. Mit dem einen Partner Liebe machen und dem andern gleichzeitig zuschauen, wie er sich selbst befriedigt, das ist eine Variante, die er bevorzugt.

Erotisierendes Zubehör reizt ihn, und er experimentiert gerne damit, inklusive Pillen, Sprays, Ölen und Salben. Was auch immer es auf diesem Gebiet gibt, der Zwilligsmann wird genau das herausfinden, was ihm den meisten Lustgewinn bringt.

Weil der Zwillingsgeborene in zwei Richtungen gezogen wird, hat er die Neigung zur Bisexualität. Manche, die an der Heterosexualität festhalten, werden Transvestiten, die ihr dualistisches Verlangen dadurch befriedigen, daß sie sich als Frauen verkleiden. Sie stellen auch allerlei Experimente an, um zu ergründen, wie man sich als Frau fühlt.

Das Verlangen des Zwillingsmannes nach immer ungewöhnlicheren Formen der Befriedigung treibt ihn auch zu starken Formen des Sadismus, bei denen es sich immer um eine klar umrissene Herren-Sklaven-Beziehung handelt. In der Literatur findet man das treffendste Porträt eines Zwillingsmannes im Roman des amerikanischen Dichters Robert Louis Stevenson "Dr. Jekyll und Mr. Hyde". Die Dualität seiner Natur führt ihn als Wissenschaftler zu den gewagtesten Experimenten, als Mann zu ungewöhnlichen Ausschweifungen. Ein klassisches Beispiel für das Verhalten eines Zwillingsgeborenen.

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